Standard · WCAG 2.2 AA
WCAG 2.2 Level AA: die Anforderungen
Wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robust: die vier Prinzipien der WCAG, die neuen Erfolgskriterien in Version 2.2 und der Bezug zu EN 301 549.
Zuletzt aktualisiert: · Von Paweł Dziura
Woher die Anforderungen kommen
Wenn das BFSG von „barrierefrei“ spricht, meint es letztlich die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG). Über die europäische Norm EN 301 549 werden sie zum rechtlich relevanten Maßstab. Die WCAG ordnen alle Kriterien vier Prinzipien zu — im Englischen mit „POUR“ abgekürzt. Auf Deutsch: wahrnehmbar, bedienbar, verständlich, robust.
1. Wahrnehmbar
Informationen müssen so aufbereitet sein, dass Nutzer sie wahrnehmen können — unabhängig vom Sinneskanal. Dazu zählen Alternativtexte für Bilder, Untertitel für Videos und ausreichende Farbkontraste. Für Level AA gilt etwa ein Kontrast von mindestens 4,5:1 für normalen Text.
2. Bedienbar
Jede Funktion muss sich bedienen lassen, auch ohne Maus. Vollständige Tastaturbedienbarkeit, sichtbare Fokus-Markierungen, genügend Zeit für Eingaben und eine klare, konsistente Navigation gehören hierher.
3. Verständlich
Inhalte und Bedienung müssen verständlich sein: eine korrekt ausgezeichnete Seitensprache, vorhersehbares Verhalten von Bedienelementen und hilfreiche, konkrete Fehlermeldungen in Formularen.
4. Robust
Der Code muss so solide sein, dass ihn auch assistive Technologien zuverlässig interpretieren — etwa Screenreader. Korrektes HTML und ein richtig gesetztes „Name, Rolle, Wert“ für Bedienelemente sind die Basis.
Neu in WCAG 2.2
Version 2.2 baut auf 2.1 auf und ergänzt einige Erfolgskriterien, von denen mehrere auf Level AA liegen:
- Fokus nicht verdeckt (2.4.11): Das fokussierte Element darf nicht vollständig durch andere Inhalte verdeckt sein — ein häufiges Problem mit klebrigen Kopfzeilen und Cookie-Bannern.
- Ziehbewegungen (2.5.7): Aktionen, die Ziehen erfordern, brauchen eine einfache Alternative wie einen Klick oder Tipp.
- Zielgröße Minimum (2.5.8): Bedienelemente sollen groß genug sein (mindestens 24×24 CSS-Pixel) oder ausreichend Abstand zueinander haben.
- Konsistente Hilfe (3.2.6), Erleichterungen bei der Authentifizierung (3.3.8) und beim wiederholten Eingeben von Daten (3.3.7).
WCAG, EN 301 549 und das BFSG
Die Kette ist wichtig zu verstehen: Das BFSG verweist auf harmonisierte Normen, konkret auf die EN 301 549. Diese Norm übernimmt für den Web-Teil die WCAG 2.1 Level AA als Mindestmaß; die neueren 2.2-Kriterien sind bereits gute Praxis und dürften mittelfristig folgen. Für Sie heißt das: Level AA ist das praktische Ziel, und wer die 2.2-Ergänzungen gleich mitnimmt, ist zukunftssicher aufgestellt.
Wichtig bleibt der ehrliche Rahmen: Ein Werkzeug kann viele dieser Kriterien prüfen, aber nicht alle. „100 % konform“ lässt sich mit einem Scan allein nicht seriös behaupten — ein Teil der Kriterien braucht immer eine menschliche Bewertung.
Dieser Beitrag ist eine allgemeine Orientierung und keine Rechtsberatung.